Die für nur 0,99 Euro als Kindle-Edition erhältliche Anthologie “Das Violoncello” enthält neun Kurzgeschichten von unterschiedlichen Autoren. Herausgegeben wurde die Herbstanthologie 2011 von Jochen Bauschke. Insgesamt umfasst das eBook 1588 Positionen, das entspricht umgerechnet einem Umfang von rund 130 Taschenbuchseiten.
Die einzelnen Kurzgeschichten im Überblick
Veronika Schima: Das Violencello
„Lenas Violoncello beschließt, sich einen anderen Besitzer zu suchen, der es mehr zu würdigen weiß.“
In der Geschichte geht es um die Liebe zur Musik und die Unlust der siebenjährigen Lena, auf ihrem Instrument zu üben. Interessant: Die Kurzgeschichte ist aus der Sicht des Violoncellos geschrieben.
Craita Ten’O: Glückskeks
„Ein von zuhause ausgerissener Teenager fährt mit dem Zug ziellos durch Deutschland. Erst der Spruch aus einem Glückskeks weist ihm den richtigen Weg.“
Beim Lesen fallen zuerst die kurzen, abgehackten Sätze auf. Die wirre Geschichte enthüllt langsam, dass sie sich um eine Zugfahrt dreht.
Udo Pörschke: Die Festung am Eismeer
„Bei der Besichtigung einer historischen Festungsanlage in Norwegen wird ein Deutscher, der hier im Zweiten Weltkrieg stationiert war, mit seiner Vergangenheit konfrontiert.“
Was als Reiseführung mit einem unangenehmen Teilnehmer begann, endet in einer rührenden Zusammenkunft. In der Kurzgeschichte wird die Geschichte Norwegens während der Nazizeit behandelt.
Christoph Rollfinke: Frühstück
„In den 1970ern: Gunther verachtet seinen Vater für dessen damalige Untätigkeit im Angesicht der NSDAP-Gräueltaten. Als er in seiner WG von der Planung eines RAF-Anschlags erfährt und nichts dagegen unternimmt, muss er erkennen, dass er seinem Vater mehr ähnelt, als ihm lieb ist.“
Das Frühstück wird in dieser Geschichte dazu genutzt, Politisches zu thematisieren. Es geht auch darum, die eigene Verantwortung zu verleugnen. Mir hat gut gefallen, wie hier Vergangenheit und Gegenwart miteinander vermischt werden. Vielleicht fällt der Apfel doch nicht so weit vom Stamm…
Rolf Menz: Ein radikaler Schnitt
„Georg hat nach Jahren der Schriftstellerei den Bezug zur Realität verloren. Als ihm seine Entfremdung klar wird, entschließt er sich zu einem radikalen Schnitt.“
Eine sehr humoristische Darstellung eines erfolgreichen Autors, der sich für einen radikalen Schnitt entscheidet, um seinen Erfolg zu festigen.
Bärbel Maiberger: Die Standuhr
„Sie schwärmt für seine Uhrensammlung, wehrt sich aber gegen die Anschaffung einer Standuhr. Er ahnt nicht, dass dieser Weigerung ein traumatisches Erlebnis ihrer Kindheit zugrunde liegt.“
Wenn ich es richtig verstanden habe, geht es in der Geschichte auch darum, sich seinen eigenen Ängsten zu stellen.
Heike Wegmann: Nie vergessen, nicht vergeben
„Nach dreißig Jahren betritt Peter erstmals wieder seine Heimatstadt, in der sein Vater damals seine Mutter erschlagen und seine Schwester misshandelt hat. Seine Schwester ist auch der Grund für Peters Hiersein – doch er ahnt nicht, dass sie etwas zu erzählen hat, das alles ändern wird.“
Eine sehr gut erzählte Geschichte über zwei Geschwister, ihren gewalttätigen Vater und die Vergangenheit. Das Ende überrascht.
Anke Voigt: Johns Ende
„Nach einem wechselvollen Leben strandet John als Obdachloser in einem deutschen Bahnhof. Er hat der Eiseskälte des Weihnachtsabends nur die Fetzen an seinem Leib und die trügerische Wärme einer gestohlenen Flasche Schnaps entgegenzusetzen. Bevor er einschläft, nimmt John sich vor, nachhause [sic!] zu fahren.“
Eine rührende Geschichte mit melancholischer Atmosohäre. Sehr gefühlvoll.
Thorsten Pehlmann: Das Führerprinzip
“Fabrikarbeiters [sic!] Patrick Heinrich kann sich von seinem Gehalt gerade einmal eine winzige Wohnung leisten, seine Eltern leben am Existenzminimum, seine Freunde von Hartz IV. Um sich zu wehren, sammelt Patrick Leidensgenossen zur „Kampfgruppe Heinrich“. Damit folgt er quasi einer Familientradition, denn schon sein Vater war gewalttätig und sein Großvater im Zweiten Weltkrieg an der Judenvernichtung beteiligt gewesen. Als Patricks Kampfgruppe in Aktion tritt und die Lage schrittweise eskaliert, rät ihm ausgerechnet besagter Großvater zur Vernunft. Er macht ihm klar, dass er – einmal schuldig geworden – sein Gewissen niemals wieder rein waschen könne.“
Die längste Geschichte in der Anthologie handelt von der Entstehung einer rechtsradikalen Organisation, in der Machtkämpfe vorprogrammiert sind. Die Vergangeheit offenbart sich und auch das Gewissen meldet sich zu Wort.
Fazit
Mir hat die Anthologie aufgrund der Themenvielfalt und der unterschiedlichen Stile sehr gut gefallen. Besonders empfehlen möchte ich die erste Kurzgeschichte, die ja namensgebend für die Sammlung ist. Weiterhin haben mir “Die Festung am Eismeer” und “Nie vergessen, nicht vergeben” gefallen. Während diese Geschichten eher nachdenklich stimmen, sticht die witzige Kurzgeschichte “Ein radikaler Schnitt” hervor, die eine Sonderstellung einnimmt und die mir persönlich am besten gefallen hat.
Schwach fand ich persönlich die Geschichten “Der Glückskeks” und “Die Standuhr”.
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